
Milk
Filmstart: 19.2.
Er war der Barack Obama der Schwulen: Harvey Milk, der erste offen schwule Politiker der USA, der 1978 ermordet wurde. 1972 kam Milk nach San Francisco und eröffnete mit seinem Freund einen Fotoladen in der Castro-Street, der zu einem beliebten Treffpunkt der noch kleinen schwulen Szene wurde. Milk will mehr, geht in die Politik und gewinnt die Wahl zum Stadtrat. Mit seinen liberalen Vorstellungen schafft sich der engagierte Politiker bald fanatische Feinde – die auch vor Mord nicht zurückschrecken werden. Als Mischung aus Biopic und Dokudrama wirft der Film einen beklemmenden Blick auf die Lage lange vor „Das ist gut so"-Fröhlichkeit und schicker CSD-Partystimmung.
Von Milk als Mensch hätte es gern ein bisschen mehr sein dürfen: Die Träume, seine Widersprüche, seine Zweifel. Selbst seine Liebe bleibt bisweilen im seifenopernhaften Geplapper stecken. Vom grandiosen Kinopoeten Gus Van Sant („Private Idaho") hätte man mehr Radikalität erwarten können. Dass er so konventionell wie zuletzt in „Good Will Hunting" inszeniert, mag strategische Gründe haben. In Zeiten, wo ein Papst die Schwulen verteufelt und US-Gerichte die Homo-Ehe kippen wollen, kann eine möglichst massenkompatible Aufklärung nicht schaden, und sei es nicht mehr als eine Art cineastischer Wikipedia-Eintrag. Wie groß der liberale Nachholbedarf noch ist, zeigt sich schon daran, dass sich – mehr als ein Vierteljahrhundert nach Milk - in ganz Hollywood kein offen schwuler Star finden ließ und Sean Penn die Rolle, grandios wie gewohnt, übernahm. Ihm wird der Oscar ebenso sicher sein wie einst jener „Times of Harvey Milk"-Doku von Ron Epstein vor 25 Jahren. Auf die Dankesrede darf man gespannt sein…
Dieter Oßwald
Stand: 15.2.2009